Effiziente Lehrmethoden in der Hochschuldidaktik, Teil 1

In der Reihe „Effiziente Lehrmethoden in der Hochschuldidaktik“ möchten wir Ihnen schlichte, ökonomische, aber höchstwirksame Lehrmethoden vorstellen, mit denen Sie Ihre Lehre optimieren können. Diese wissenschaftlich fundierten Lehrmethoden sind einfach und zeiteffizient, fördern aber den Lernprozess der Studierenden. Im ersten Teil dieser Reihe geht es darum, eine Grundlage gemeinsamen Wissens zu schaffen: Hier erfahren Sie, wie Sie Studierende dabei untersützen, sich Inhalte einzuprägen.

Gedächtnisfreundliche Lehre gestalten

Angenommen, Ihre Studierenden sollen die Inhalte eines kurzen Texts auswendig wiedergeben können. Was würden Sie ihnen eher empfehlen? Empfehlen Sie den Studierenden, den Text fünf Mal durchzulesen (Arbeitszeit: 50 Minuten), oder den Text einmal durchzulesen, eine halbe Stunde lang etwas anderes zu machen, und dann zehn Minuten lang Quizfragen zum Text zu beantworten (Arbeitszeit: 20 Minuten)? Welche Methode führt wohl zu mehr Lernerfolg?

Haben Sie auf die erste Methode getippt? Diese wird intuitiv auch von den meisten Lernenden gewählt. Leider ist sie aber die weniger effiziente Wahl. Sie sollten Ihren Studierenden von Wiederholungsmethoden abraten und stattdessen empfehlen, dass sie ihr eigenes Wissen testen – das bringt mehr Lernerfolg in weniger Zeit. Das liegt daran, dass unser Gedächtnis aktiv werden muss, um Wissen zu vernetzen und seine „Wissenspfade“ zwischen Informationen zu stärken. Diese Pfade sind nötig für den Abruf. Wiederholte Wissensaufnahme ist hingegen passiv und stärkt die Wissenspfade kaum.

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Nur wenn es im Kopf rattert, kann Wissen effektiv abgespeichert werden. Bloßes Lesen oder Zuhören ist dafür in der Regel zu passiv.

Dieser sog. „Testing-Effekt“ ist wissenschaftlich in zahlreichen Studien belegt worden (z. B. Roediger & Karpicke, 2006). Im Buch „Small Teaching“ (2016) berichtet James Lang von einem Versuch, der die Relevanz des Testing-Effekts sehr gut verdeutlicht. Chemiedozent Brian Rogerson wechselte die Lehrmethode in seiner Vorlesung semesterweise ab (Rogerson, 2003). In zwei von fünf Durchläufen stellte er den Studierenden am Ende der Lehrveranstaltung eine einzige offene Frage zu den Inhalten der Vorlesung. Die Studierenden haben ihre Antwort aufgeschrieben und eingereicht sowie ein zweites Mal für ihre Akten notiert. Rogerson las sich die Antworten jede Woche durch und ging in der nächsten Sitzung auf ggf. vorhandene Fehlkonzepte ein. In den anderen Durchläufen fiel dieser Schritt weg.

In den drei Semestern ohne Wissensabfrage haben in der Regel mehr als ein Drittel der Studierenden die Vorlesung nicht bestanden. In den beiden Semestern mit der regelmäßigen Wissensabfrage waren es weniger als ein Fünftel. Bei solchen Ergebnissen ist die Frage gerechtfertigt, ob es überhaupt ethisch vertretbar ist, keine Wissensabfragen einzubauen. Aber auch wenn Sie keine so drastischen Zahlen in Ihrer Lehrveranstaltung verbuchen können: Kurze Wissensabfragen lohnen sich! Und wie können sie am besten gelingen?

Prinzipien für effizientes Abfragen von Wissen

Nachdem ich Ihnen deutlich gemacht habe, weshalb Sie die Gedächtnisse Ihrer Studierenden mit Wissensabfragen unterstützen sollten, möchte ich Ihnen konkrete Tipps für die Praxis geben. Zunächst ein paar wissenschaftlich fundierte Faustregeln für Ihre Wissensabfrage:

  1. Fragen Sie das Wissen häppchenweise ab. Ein kurzes Quiz wirkt weniger bedrohlich und kostet außerdem nicht so viel Zeit.
  2. Nutzen Sie gerne immer dieselbe Methode zur Wissensabfrage. Studierende legen weniger Wert auf Abwechslung in der Hochschullehre, als viele Dozierende vermuten. Vielmehr wünschen sie sich Effizienz in der Lehre. Sie können also gerne eine Lehrmethode entwickeln, die zu Ihnen passt, und diese dann in jeder Lehrveranstaltung einsetzen. Die Studierenden gewöhnen sich dann schnell an die Lehrmethode – auch das spart Zeit und Energie für alle Beteiligten.
  3. Sie sollten keine „Überraschungstests“ einsetzen, sondern das Wissen in vorhersehbaren, regelmäßigen zeitlichen Abständen prüfen – z. B. am Ende jeder Vorlesung oder jeden Montag in der Online-Lernumgebung. Wenn die Studierenden nämlich mit der Wissensabfrage rechnen, sind sie bereits bei der Informationsaufnahme aufmerksamer und motivierter.
  4. Fragen Sie das Wissen direkt „aus den Köpfen“ ab. Erlauben Sie es den Studierenden nicht, in Lehrbücher oder andere Materialien zu schauen. Denn schließlich geht es hier um das Gedächtnis, das beim Abspeichern des Stoffes unterstützt werden soll.
  5. Am besten nutzen Sie Fragen, die der ggf. vorhandenen Abschlussprüfung möglichst ähneln. Generell sind kurze offene Fragen effektiver als Multiple-Choice-Fragen.
  6. Und zum Schluss ein ganz wichtiger Tipp: Erklären Sie den Studierenden, weshalb Sie die Lehrmethode einsetzen. Machen Sie ihnen die Relevanz deutlich: Es geht darum, dass das Gedächtnis beim Abspeichern unterstützt wird, später – in der Prüfung, in weiteren Semestern, im Beruf – werden die Studierenden davon profitieren. Das wird die Studierenden motivieren.

Alltagstaugliche Lehrmethoden für Ihre Wissensabfrage

Sie haben gerade sechs Faustregeln für den Wissensabruf in der Lehre kennengelernt. Im nächsten Schritt möchte ich Ihnen Vorschläge für Lehrmethoden anbieten. Dafür greife ich auf die Lehrstrategie „MOMBI“ zurück. MOMBI gliedert den Lehrprozess in fünf Schritte und kann Ihnen so bei der Planung Ihrer Lehrveranstaltung helfen. Die Schritte 2 (Aktivieren) und 5 (Festigen) eignen sich ganz hervorragend für den Wissensabruf.

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Die Lehrstrategie „MOMBI“ gliedert den Lehrprozess in fünf Schritte.
Schritt 2:

Sie sollten relativ am Anfang der Lehrveranstaltung das Vorwissen der Studierenden aktivieren. Das wird helfen, das später erworbene neue mit bereits vorhandenem Wissen in eine geordnete Wissensstruktur zu. Die Abfrage von bereits vorhandenem Wissen ist für diese Phase also quasi vorprogrammiert.

Passende Methode: Mit der „Think-Pair-Share”-Methode können Sie auch in großen Gruppen eine schnelle Vorwissensaktivierung einbauen. Stellen Sie der Gruppe zunächst die Leitfrage. Im nächsten Schritt (Think) soll jede/r individuell über die Frage nachdenken und die Antwort notieren. Anschließend tauschen sich Nachbarn (Pair) über ihre Antworten aus. Im letzten Schritt (Share) werden die Ergebnisse von einzelnen Paaren im Plenum vorgestellt.

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Ja, auch in Veranstaltungen mit vielen Teilnehmenden lassen sich diese Methoden umsetzen!
Schritt 5:

Beim Festigen unterstützen Sie die Studierenden dabei, die neue Wissensstruktur, nun ja, zu festigen. In dieser Phase soll das neue Wissen nachhaltig im Gedächtnis abgespeichert und direkt verfügbar werden. Da die Wissensstrukturen neu sind und noch Fehlkonzepte beinhalten können, sollten Sie hier stets ein Feedback einbauen.

Passende Methode: Lassen Sie wie Brian Rogerson Ihre Studierenden am Ende der Veranstaltung über eine-drei offene Fragen nachdenken. Innerhalb einer Minute sollen sie ihre Antworten anonym auf einem Blatt notieren. Sie sammeln diese sog. „Minute Papers“ ein und geben in der nächsten Sitzung ein Feedback dazu.

Machen Sie vom „Testing-Effekt“ Gebrauch!

Sie haben in diesem Text erfahren, dass eine kurze, regelmäßige Wissensabfrage laut aktuellster Forschung den Lernerfolg erheblich steigern kann. Nutzen Sie deshalb bei der Vorwissensaktivierung und Festigung eine Wissensabfrage, um das Gedächtnis der Studierenden zu aktivieren. Langfristig werden sich die Studierenden dann viel besser an die neuen Inhalte erinnern.

Da wir auch hier vom Testing-Effekt Gebrauch machen möchten, zum Schluss noch eine kleine Challenge für Sie: Scrollen Sie bitte nun so, dass Sie den oberen Text nicht mehr sehen können. Probieren Sie, folgende beiden Fragen aus dem Gedächtnis zu beantworten:

  1. Nennen Sie zwei Faustregeln zur Wissensabfrage.
  2. Wie funktioniert die „Minute Paper“-Lehrmethode?

Haben Sie die Fragen aus dem Gedächtnis richtig beantworten können?
Berichten Sie gerne in den Kommentaren, z. B. in unserer Facebook-Gruppe für Hochschullehrende. Wir freuen uns auf Ihre Rückmeldungen!

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Literaturverzeichnis

Lang, J. M. (2016). Small teaching: Everyday lessons from the science of learning. San Francisco: John Wiley & Sons.

Roediger, H. L., & Karpicke, J. D. (2006). Test-enhanced learning: Taking memory tests improves long-term retention. Psychological Science, 17, 249-255.

Rogerson, B. (2003). Effectiveness of a daily class progress assessment technique in introductory chemistry. Journal of Chemical Education, 80(2), 160–164.

Für eine Vertiefung zur Lehrstrategie MOMBI siehe auch:

Hanke, U., & Winandy, S. (2014). Die Lehrstrategie MOMBI. Tübinger Beiträge zur Hochschuldidaktik, 10, 2.